Tag 39, von Santiago de Compostela nach Negreira (22,6 km)

Unsere geplante Fahrt mit der Bimmelbahn gestern fiel leider in´s Wasser. Vom Streik der Fluglotsen hörten wir ja schon in den Nachrichten, aber dass sich die Lokführer der Bimmelbahn Santiagos anschließen, war echt ein Witz. Völlig unverhofft trafen wir vor der Kathedrale Marion wieder und die Wiedersehensfreude war riesengroß. Es gab ne Menge zu erzählen und so saßen wir die nächste Stunde faul vorm Franziskanerkloster in der Sonne, ratschten und beobachteten Pilger. Herrlich 😊.
Punkt 18.00Uhr war dann die Führung und der spiritueller Rundgang der deutschen Pilgerseelsorge an / in der Kathedrale und dabei erfuhren wir viel Wissenswertes über den Apostel Jakobus, Ursprung und Beginn der Pilgerschaft sowie zur Kathedrale mit ihren Portalen. Nach 1,5 Stunden kulturellem Input hatten wir den Kopf voll und machten die Fliege. Es stand ja noch das Fußballspiel Spanien – Portugal auf dem Programm, dass wir mit Sam und Sani in einer Sportbar sehen wollten und so nahmen wir Marion einfach kurzerhand dorthin mit. Die Stimmung inmitten heißblütiger Spaniern war bombastisch, nur Essen war leider Fehlanzeige. Es gab billigste Industriepizza, Würstchen, Chips und das zählt definitiv nicht zu unseren Favoriten. Dafür zeigten Ronaldo und Co ein super spannendes Spiel, dass zum Leidwesen der Spanier leider nur 3:3 endete.

einer der schönsten Orte, die Ponte Maceira

traumhafter Platz an der Ponte Maceira

Mit knurrendem Magen ging´s nach dem Spiel in eine nahegelegene Weinbar, wo eine große Käseplatte den Hunger vorerst stillte. Wir erzählten, tranken leckeren Rioja, schwelgten in Erinnerungen aber gegen Mitternacht hieß es dann Abschied nehmen von Sam, Sani und Marion. Während Heinz und ich morgen Richtung Finesterre laufen, fahren die Drei  nach Hause. Beim „Adios“ fließen dann mehr als ein paar Tränchen und nach einer letzten, dicken Umarmung machten wir uns alle auf den Heimweg.
Die Nacht war mal wieder viel zu kurz, aber wir waren gut drauf und freuten uns auf das „Zuckerl“ der letzten Kilometer Wegstrecke bis ans Meer. Nach einem mehr als reichhaltigen Frühstück „sattelten“ wir unsere Rucksäcke und ab geht’s auf den Camino Finesterre. Der Weg zum „Ende der Welt“ wird das i – Tüpfelchen unserer Wanderschaft und die ca. 90 Kilometer wollen wir genießen und in aller Ruhe angehen. Nach knapp einer Viertelstunde sind wir schon am Stadtrand und prompt auf dem falschen Weg. Irgendein Trottel hat an Laternenpfählen Jakobsmuscheln geklebt, denen wir blind folgten. Zum Glück merken wir unseren Fehler sehr schnell, laufen zurück und sind wenige Zeit später auf dem richtigen Camino, der der durch einen Eukalyptuswald immer leicht bergauf zu einer Anhöhe führt.  Hier haben wir nochmals einen super Blick auf die Kathedrale und Santiago, die die Morgensonne wunderschön strahlen lässt. Der Abschied fällt da schon doppelt schwer und so laufen wir mit etwas Wehmut auf den kleinen Asphaltstraßen bis ins Örtchen Carballal, bevor es dann durch eine hügelige Landschaft ( Eukalyptuswälder, Busch- und Weidelandschaft) nach Quintáns und Ventosa geht.

nach 820 km immer noch nicht klein zu kriegen

Eisenbahnbrücke in Luego

Langsam wird’s aber Zeit für eine Kaffeepause und in Ventosa finden wir nicht nur üppige Dillfelder (wird für einen heimischen Kräuterlikör angebaut) sondern auch eine kleine Cafebar und genießen dort einen großen Pott Milchkaffee in der Sonne.
Was uns heute sofort auffällt: Der ganze Trubel und die Pilgermassen sind verschwunden, nur wenig Pilger sind unterwegs, die Infrastruktur am Weg ist eher dürftig und es ist herrlich ruhig. Super, denn genau das hatten wir uns gewünscht !!! Gleich hinter dem Ort Augapesada wird’s dann knackig. Der Camino führt fast 2 Kilometer steil durch einen Wald bergauf und als wir nach 40 Minuten endlich den Hügel erobert haben, sind wir platt wie die Mäuse. Das schreit nach Trinkpause und nach einer kurzen Rast geht´s zur Abwechslung mal bergab nach Ponte Maceira. Der kleine Ort mit der wunderschönen, alten Steinbrücke liegt zauberhaft und einladend am Fluss Tambre, wo einige mutige Pilger im Fluss baden bzw. am Ufer faul in der Sonne liegen. Zum Baden ist uns das Wasser dann doch zu kalt und so sitzen wir lieber in einer netten Albuerge direkt am Wasser, futtern einen leckeren gemischten Salat und ratschen mit Pilger aus Bremen und Neuseeland, die den Camino del Norte + den Camino Primitivo gelaufen sind.

entlang am Fluss

Relikt aus dem Mittelalter

Wir quetschen die Drei mit unseren Fragen regelrecht aus, denn der Camino von Biarritz nach Santiago wollten wir evtl. im kommenden Jahr laufen. So erfahren wir eine Menge Interessantes, bekommen richtig gute Tipps und wir hören begeistert ihren Erzählungen zu. Irgendwie schon verrückt, da ist man noch gar nicht am Ziel und macht schon Pläne für´s kommende Jahr. Wir kriegen anscheinend den Hals nicht voll und während die Jungs zum Baden gehen, brechen wir in aller Ruhe Richtung Negreira auf. Die nächsten Kilometer durch den Wald und am Fluss Tambre entlang sind superschön, aber leider geht´s dann doch wieder auf Teerstraßen bis zum Zielort Negreira. Unser Quartier ist kaum zu übersehen, denn der in die Jahre gekommene Hotelbunker fällt sofort ins Auge und besticht nicht wirklich durch Schönheit. Zumindest ist das erste Bierchen frisch gezapft, das Zimmer später ganz passabel und so hoffen wir auf weiteren inneren Werte dieses Etablissement.

mal wieder Asphalt

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Volkhard

Nachträglich Glückwunsch zu dieser großartigen Leistung und danke für die unterhaltsame Dokumentation. Volkhard